Auf der Suche nach prähistorischen Petroglyphen in den Bergen von Kirgisistan

Fallstudie

Autorin: Penny Boviatsou

Seit Tausenden von Jahren hinterlässt die Menschheit weltweit Spuren in Form von Petroglyphen – das sind Felsbilder, die anfangs mit Hilfsmitteln aus Stein, später mit Werkzeugen aus Metall, in den Fels graviert wurden. Oft finden sich Arbeiten aus mehreren Jahrtausenden an einem Ort, was dessen historische Bedeutung noch erhöht. Fundorte von Petroglyphen kann man sich daher vorstellen als heilige Stätten der Aufbewahrung in Stein geschriebener Geschichtsbücher.

Vor diesem Hintergrund sind Petroglyphen eine wichtige Ergänzung zu dem archäologischen Wissen, das wir aus Grabstätten ableiten. Grob gesagt bieten sie Einblick in die Begräbnisriten, sozialen Normen und materielle Kultur der Urheber. Sie erzählen von wichtigen Ereignissen und damit verbundenen mythischen Ideen. 
Petroglyphen finden sich auf allen fünf Kontinenten. Besonders reich an Felskunst aus der Bronzezeit, Eisenzeit und Turkzeit sind die gebirgigen Gebiete Zentralasiens, Südsibiriens und der westlichen Mongolei. In dieser Gegend zählt Saimaluu Tash in Kirgisistan zu den größten und am höchsten gelegenen Fundstätten von Petroglyphen. Sie befindet sich im östlichen Teil des weitläufigen Ferghana-Gebirges, etwa 115 Kilometer nordöstlich der Stadt Osch.

Aufgrund der Höhenlage von Saimaluu Tash – zwischen 2.860 und 3.350 Metern – ist das Gelände elf Monate des Jahres von Schnee bedeckt und nur von Mitte Juli bis Mitte August zugänglich. 2017 unterstützte Esri, einer der weltweiten Markführer im Bereich GIS-Technologie – ein gemischtes Team aus lokalen und internationalen Wissenschaftlern bei Forschungstätigkeiten vor Ort. Hexagon Geosystems stellte dafür die neueste GNSS-Technologie bereit.

Die Systeme von Hexagon Geosystems waren ein Gewinn für die Datenerfassung. Ihre hohe Genauigkeit, Effizienz und Präzision überstieg unsere Erwartungen bei diesem anspruchsvollen Messvorhaben“, zeigt sich Matthias Schenker, CTO von Esri Schweiz, begeistert. „Die direkte Unterstützung der Leica GG04-SmartAntenne in Collector for ArcGIS hat es uns leicht gemacht, die Datenerfassung in unseren Workflow zu integrieren.“ 


Geschichte wieder neu entdecken

Finding ancient petroglyphs in the mountains of Kyrgyzstan

Der Militärtopograf Nikolai G. Kludow hat Saimaluu Tash – Kirgisisch für „Steine mit Zeichnungen“ – 1902 offiziell wiederentdeckt. Doch mehr als vier Jahrzehnte sollten verstreichen, bevor S. M. Sima und Alexander N. Bernstam 1946 bzw. 1950 neue Expeditionen an diesen Ort unternahmen. In den Dekaden seit diesen ersten Vorstößen wurden dort bis Anfang der 2000er nur sporadische Feldarbeiten unternommen.

Ziel der jüngsten Expedition der Forscher war eine gründliche Vermessung, fotografische Dokumentation und Kartierung der Stätte, um aus den Daten eine Monografie und interaktive 3D-Karten zu erstellen. Unter den Teilnehmern der Expedition waren: 

  1. Drei Archäologen und Fachleute für Petroglyphen 
  2. Zwei GIS-Spezialisten 
  3. Ein lokales Team zur Unterstützung 

Angestrebt wurde die Bestimmung thematischer Cluster von Petroglyphen auf bestimmten Flächen. Zudem plante das Team, den Spuren von bis zu neun prähistorischen Ansiedlungen und Grabstätten nachzugehen, die auf Satellitenbildern mit einer Auflösung von 50 Zentimetern entdeckt worden waren. 


Die Expedition

Finding ancient petroglyphs in the mountains of Kyrgyzstan

Die Petroglyphen tauchen konzentriert in zwei Tälern auf, die durch einen steilen Grat im Saimaluu-Tash-Gebirge voneinander getrennt sind: auf dem relativ großen Gelände von Saimaluu Tash I im westlichen Tal und auf der kleineren und etwas jüngeren Anlage von Saimaluu Tash II im angrenzenden östlichen Tal. Saimaluu Tash I ist 1,3 Quadratkilometer groß, während Saimaluu Tash II weniger als einen Quadratkilometer misst.

Im Laufe von drei Wochen erfasste das Team rund 4.500 Steine mit Petroglyphen und 25.000 bis 30.000 Einzelbilder. Die Position eines jeden mit Petroglyphen versehenen Steins wurde dezimetergenau mittels GNSS-Empfängern von Leica Geosystems in Verbindung mit der Collector for ArcGIS-App auf Mobilgeräten vermessen. Die App wurde so konfiguriert, dass sie die Sammlung von Offlinedaten auf der Grundlage eines hochaufgelösten Satellitenbilds des Geländes ermöglichte, was raschere und fundiertere Entscheidungen erlaubte.

Angesichts der schwierigen Umgebungsbedingungen im Tal war die Leica Zeno GG04-SmartAntenne ein Segen für uns“, erinnert sich Schenker. „Durch die hochpräzise Technologie konnten wir unsere Ziele erreichen und sehr genaue Daten erfassen.

Die Orientierung (das Azimut) jedes Petroglyphs wurde zusammen mit einem Foto und einer Beschreibung aufgezeichnet. Aus Luftbildern eines UAV wurden ein digitales Höhenmodell und orthorektifizierte Bilder der untersuchten Flächen generiert. Darüber hinaus diente die Leica GG04-GNSS-SmartAntenne zur Vermessung von Passpunkten für die Verbesserung der horizontalen und vertikalen Positionsgenauigkeit des Höhenmodells und der Orthofotos. Anschließend wurden die Daten kategorisiert und in einer Geodatenbank gespeichert, um die räumliche Verteilung der Petroglyphen innerhalb des Geländes als Ganzes sowie bezogen auf die einzelnen Kategorien zu studieren. Die Ergebnisse lassen sich am besten in interaktiven 2D- und 3D-Anwendungen visualisieren.

Zur räumlichen und statistischen Auswertung wurden die kategorisierten und in einer Geodatenbank gespeicherten Daten mithilfe von Esris ArcGIS Pro analysiert. 
Aus diesem Datensatz wurden neben den interaktiven 2D- und 3D-Web-Anwendungen auch herkömmliche Karten auf Papier erstellt, die Aufschluss über die Positionierung und Kategorisierung der Petroglyphen geben. Die internetbasierten Karten und Anwendungen werden über ArcGIS Online verfügbar gemacht. Sie können zu Filterzwecken und für weitere Forschungsvorhaben verwendet werden.

Außerdem werden die Daten über die AuGeo-App von Esri Labs bereitgestellt, um in einer Augmented­Reality-Umgebung genutzt zu werden. 


Revolution in der Archäologie

Finding ancient petroglyphs in the mountains of Kyrgyzstan

„Archäologen schätzen die Vorzüge moderner Tools und Technologien, auch wenn sie die Methoden dieses Forschungsgebiets auf den Kopf stellen“, so Schenker. „Wir sind stolz, an dieser Revolution teilzuhaben.“

Die Petroglyphen von Saimaluu Tash repräsentieren einen Zeitraum von fast 3.000 Jahren und eine Vielzahl von Themen. Seit ihre Schöpfer Motive aus ihrer Lebenswelt ausgewählt haben, die wiederum von den klimatischen Bedingungen der damaligen Zeit bestimmt wurde, lassen sich Korrelationen zwischen den Petroglyphen, dem Klima und der wirtschaftlichen Situation herstellen. Durch die Aufdeckung solcher Zusammenhänge aus der Vergangenheit gewinnen wir ein besseres Verständnis für den historischen Kontext und die soziale Entwicklung der Menschheit im Laufe der Jahre.

Alle Information über die Petroglyphenstätte Saimaluu Tash stammen aus dem offiziellen Expeditionsbericht des Schweizer Forschers und Entdeckers Christoph Baumer, der in der Herbstausgabe 2017 des Fachmagazins „The Explorers Journal“ erschienen ist.

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